und sonst

GERADE GELESEN

Ein überwältigend poetisches Buch, das einen unmittelbar hineinzieht in eine Welt, die man durch diese Augen noch nicht gesehen hat. Die gebürtige Istambulerin Özdamar teilt mit uns ihre seelischen Zustände als zunächst illegale Migrantin im Deutschland der siebziger Jahre. Sie ist ausgebildete Schauspielerin und sucht im Theaterbereich nach Arbeit. Dass sie dort anfangs nur in Nebenrollen als türkische Putzfrau auf der Bühne steht, fasst die ganze Misere ihrer Situation in ein zynisches Bild.

Sie geht einen Weg, nicht vordergründig kämpferisch, aber mit Ausdauer und Können und sucht ihren Ort in Menschen, Projekten, Dingen. Über Paris kehrt sie nach Deutschland zurück und schreibt schließlich Bücher. Ihr Roman schlägt den Bogen bis in die 2000er Jahre, in denen Özdamar vielleicht nicht in Deutschland, aber in Ihrem Beruf als Schriftstellerin angekommen scheint.

Mich hat beeindruckt, wie stark sie sich mit der Geschichte und Politik Deutschlands auseinandersetzt, sie ist informierter und interessierter als fast alle Geburtsdeutschen, die ich kenne.

Auch die Tragik der türkischen Diktaturen, der patriarchalen Gesellschaftsstruktur, die vielen physischen und psychischen Opfer, die Trauer über den Verlust der Heimat und damit der Identität für sehr viele aufrichte Menschen wird so fühlbar geschildert, dass man wirklich eine Ahnung bekommt, wie es ist, Migrant zu sein. Ihre bildreiche Sprache, die sich oft mit Phantastereien und Visionen in dichte Empfindungsebenen schraubt, ist neu, mitreißend und eindrucksvoll. Der Roman verändert den Blick auf das eigene Land, die eigene geografische und politische Identität und weckt Empathie für alle Suchenden und Verlorenen.

Einen kleinen Kritikpunkt habe aber doch: nach der ersten Hälfte des Buches (750 Seiten), in die man eintaucht wie in eine warme Quelle, wird die erzählte Geschichte sehr kleinteilig und etwas mühsam zu verfolgen. Hier hätte eine Straffung gut getan, um dem Roman seine dynamische Melodie zu erhalten.

Vorab: dieses Buch ist spektakulär. Von der Shortlist für den Deutschen Buchpreis  2025 – was ja auch schon ein sensationeller Erfolg für eine Erstlingswerk ist –  hat es leider, leider, leider nicht zum Sieg gereicht. Warum nur??? Ich finde es so viel besser als die prämierten „Holländerinnen“ – die an anderer Stelle noch ein wenig Fett abbekommen…

Fiona Sironic macht ein Szenario auf, das, obwohl definitiv dystopisch, so unaufgeregt normal und vertraut daher kommt, dass man bereit ist,  das Ganze als Wettervorhersage aufzufassen. 

In eher sachlicher, auf jeden Fall unmanirierter Sprache erzählt sie vom Erwachsenwerden der Z-Nachfolgegeneration (wie wird sie wohl genannt werden?) in einer durch Klimawandel teilzerstörten Welt, deren Infrastruktur ebenso in Auflösung begriffen ist wie der gesellschaftliche Zusammenhalt. Ein paar Wackere versuchen, in Kommunen oder ähnlichen privaten Schutzräumen zu überleben und die in immer weniger Geschmacksvarianten noch zur Verfügung stehende Flüssignahrung durch selbstgezogenes Gemüse zu ergänzen. Die eigentliche Geschichte aber geht so: 

Die Protagonistin nähert sich einem Mädchen, dessen Mütter-Paar Influencerinnen sind und damit nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Privatleben ihrer beiden Töchter preisgeben. Dagegen wehren sich die beiden auf eigene Art: sie entwenden heimlich die Datenträger ihrer Mütter und sprengen sie im Wald, unter Inkaufnahme eines Flächenbrandes angesichts der ausgedörrten Böden, in die Luft. Es entwickelt sich eine Liebesbeziehung zwischen den beiden Mädchen, die Revolte gewinnt an Dynamik, fast täglich gibt es Meldung vom Aussterben immer weiterer Vogelarten, die persönliche Situation der Protagonistin, die mit Mutter und Tante lebt, wird zunehmend prekärer, und das Ende ist so tragisch wie unabwendbar. Dennoch, es ist ein tolles Buch, voller kluger Sätze,  schlau ausgedacht und es macht wirklich große Freude – auch und gerade erklärten Nichtanhänger*innen apokalyptischer Untergangsvisonen.

Und wo sind eigentlich die Jungs in der Geschichte? Sie tauchen nicht auf, so wenig wie die Männer. Sie spielen wohl irgendwo herum. So richtig vermissen tut man sie dann aber auch nicht …

Mon Dieu, ein Buch voller steiler Thesen, die mir den Atem stocken ließen.

Aus Sicht der Biologin schaut Stoverock auf den Werdegang der Hertero-Paarbeziehungen, ausgehend vom vorzeitlichen Leben der Urmenschen in Horden. Sie seziert die macht- und gesellschaftspolitisch motivierten paternalen Eingriffe in diese von der Natur vorgegebenen Gefüge und stellt sehr überzeugend dar, wie im Interesse der Männer auf Kosten der Frauen die Welt seither in eine anhaltende, tief verankerte Schieflage in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit geraten ist. Die Kirche hat, wen wundert’s, dazu einen erheblichen Beitrag geleistet. Ja, nun sehe ich es auch an jeder Ecke, dieses Buch ist eine Offenbarung im besten Sinne des Wortes.

Doch mit dieser Bestandsaufnahme ist Stoverock noch nicht am Ende. Einen beunruhigenden Blick in die Zukunft mutet sie uns zu: durch die wenn auch langsam fortschreitende Emanzipation der Frauen und insbesondere ihre zunehmende wirtschaftliche Autarkie schwindet die Verfügungsmacht der Männer. Gehört haben wir schon von den Incels, unfreiwillig zölibatär lebenden Männer, die keine abbekommen und ihren Hass auf das weibliche Geschlecht in Internetforen kultivieren und gelegentlich auch im richtigen Leben zuschlagen. Diese schnell anwachsende Gruppe wird von Stoverock als zunehmend gefährliche und die Gesellschaft destabilisierende Macht gesehen, auf die ein Augenmerk zu richten sei. Welche Lösungen schlägt sie vor? Nun ja, hier zeigt sich das Dilemma. Wenn die eine Gruppe profitiert, muss die andere abgeben – eine win-win Situation ist hier wohl nicht in Sicht.

Stoverding schlägt die Legalisierung und gesellschaftliche Akzeptanz von Prostitution als einen Ausweg aus der männlichen Notlage vor. Aus Sicht der Frauen vielleicht doch ein eher zweifelhafter Weg – hier hat die Suche nach überzeugenden Vorschlägen noch viel Luft nach oben.

Ein kleinformatiges Buch, ein lakonischer Titel. Die überwältigende Poesie dieses dichten Romans entsteht besonders in den Zwischenräumen der sorgfältig formulierten und unaufgeregt daherkommenden Sätzen. Ganz leicht folgt man ihnen hinein in diese dörfliche Familiengeschichte der 50 er Jahre in Österreich und gerät in den Sog der dramatischen Ereignisse und deren Protagonisten. So schön und tragisch, bezaubernd und fesselnd,  unaufdringlich und ermutigend habe ich schon lange kein Buch mehr empfunden. 

Einzig: die zu klein abgebildeten und im Schwarz-Weiß des Ducks versackten Illustrationen von Heinz Egger  können sich hier nicht entfaltet und wären besser zu Hause geblieben. 

Ein seltsam altmodisch anmutender Roman, den man eher in die 80 er Jahre des letzten Jahrhunderts verorten würde als in das Heute, ist man von Eva Menasse doch moderneres Schreiben gewohnt, siehe Quasikristalle.

In Dunkelblum geht es um österreichische Dorfgeheimnisse aus der NS-Zeit, Judenverfolgung, Zwangsarbeit, Exekutionen, die Verstrickung der Bewohner:innen

 und Versuche der Aufdeckung, Aufklärung und Aufarbeitung in der Jetztzeit. Die Figuren bleiben etwas unscharf und eher klischeehaft. Was mich wirklich stört sind die wertenden Beschreibungen durch die Autorin, die gelegentlich schon an Denunziation heranreichen. Es gibt wenig Versuche, das Werden dieser Menschen aufzudröseln und sie in ihrer Ambivalenz dem Leser/der Leser:in nahe zu bringen. Am Schluss ist Schuss, aber so richtig gelöst hat sich nichts, die Geheimnisse, deren Andeutungen einen am Benzel gehalten haben, kommen nicht ans Licht und überhaupt gibt es keine so richtigen Erkenntnisse. Irritierend, wofür die Autorin natürlich nichts kann, ist die Aktualität des Antisemitismusthemas durch die jüngsten Geschehnisse in Israel und die Reaktionen hierzulande, die mich trotz aller Tendenzen überrascht haben und eine schockierende Verankerung des Judenhasses in unserer heutigen Gesellschaft zeigen. Beim Verstehensversuch dieses Phänomens hilft mir das Buch allerdings auch nicht weiter…

Gnadenlos analytisch und zugleich hochpoetisch macht Ines Geipel uns den Magen rein von etwaigen Ostalgie-Reminiszensen. 1960 geboren als Tochter eines in geheimer Stasi-Mission marodierenden Vaters, dessen Prügel die Brutalität und Menschenverachtung des Systems an die eigenen Kindern expediert, nimmt sie die Krankheit und den Tod des jüngeren Bruders in der Nachwendezeit als Ausgangspunkt einer gesellschaftlichen Autopsie. Von familiären Verstrickungen in Naziverbrechen über die Entlarvung des von der kommunistischen Partei kreierten Buchenwald-Mythos hin zum Schweigegelübde einer ganzen Nation, drückt sie die Faust in mangels Vergangenheitsbewältigung nicht heilende Wunden und offenbart plausibel und gut belegt, was im halben – oder ganzen – Land im Argen liegt.

Vorweg: ein optisch und haptisch sehr ansprechendes  Buch. Inhaltlich im Wesentlich getragen von einer Idee, die genau genommen ein Szenario der utopischen Gegenwart beschreibt: Eine (Kampf?) Lesbe gründet so etwas wie einen Orden, der sich zur Aufgabe macht, die Atommüllager dieser Erde und dazu auch noch so einiges an immateriellem Kulturgut auf lange Sicht zu hüten und zu wahren – gegen das Vergessen und die Ignoranz der Gesellschaft. Ja, o.k., eine nicht unspannende Idee. Doch leider nicht ganz schlüssig: wieso sollte das Wissen um die Brisanz des strahlenden Erbes verloren gehen? Abgesehen von dem genannten Setting passiert nicht wirklich was – keine Entwicklung, weder der Figuren, die seltsam sachlich bleiben, noch der leicht variierten Situationen. 

GERADE BESUCHT

„Seltene Erden“ lautet der Titel der Ausstellung von Tom Sachs in den Deichtorhallen Hamburg. Mit großer Intensität und in gewaltiger räumlicher Dimension hat Sachs hier sein Nasa-Parallel-Universum materialisiert. Ein umgebauten Camper, Arbeitsstationen mit ausgetüftelter Werkzeugordnung, Rampen, Monitoren,  Kontrollstaionen, Nasa-Sprech,  Indoktrinierungsstellen, Raketenabschußbasis bilden einen ausufernden Kosmos, der den Betrachter, die Betrachterin fasziniert, zweifelnd, staunend,  mit gewecktem Spieltrieb und überraschten Auflachern durch den Raum driften läßt. Mit abstrusem technischem Perfektionismus und einem komplexen praktisch-philosophisch-poetisch  

anmutendem Regelwerk präsentiert Sachs das Rüstzeug für ein gelingendes (künstlerisches) ArbeitsLeben.

Das menschliche Treiben auf diesem blauen Planeten in Wissenschaft, Forschung und Expedition und eigentlich in allen Bereichen wird hier in seiner ganzen Größe, seinem Wagemut, seiner Menschlichkeit  und Unzulänglichkeit offenbar. Wo ist der Sinn? Schon sind wir wieder bei der Kernfrage, die zu stellen wohl schon als Ziel zum Weg gelten kann. Das alles ist anrührend, tröstlich, witzig, dramatisch und absurd.

Und plötzlich ist sie da, die Erkenntnis:  es gibt nur eine „Seltene Erde“!

Tom Sachs Space Programm: Rare Earths bis 10. April 22 Deichtorhallen Hamburg

Die STRICKTATORENPARADE

Hier ein Vorschlag zur Herstellung nützlicher Nadelkissens zum selbst Benutzen oder Verschenken: die STRICKTATOREN-Reihe  läßt sich beliebig ergänzen. Please Enter your Pin!

Und so geht’s: je nach Wolldicke und gewünschter Größe 30 – 40 Maschen auf ein Nadelspiel verteilen. In wechselnden Farben bis in die gewünschte Höhe glatt rechts stricken. Am Ende des Kopfes gleichmäßig Maschen abnehmen (am Anfang und in der Mitte jeder Nadel jeweils zwei Maschen zusammen stricken. Mit geeignetem Füllmaterial ausstopfen, unten zunähen. Arme und Beine absteppen, Hals durch durchgezogenen Faden verengen. Dann nach Belieben ausstatten mit Gesicht, Haaren und anderen Details. Wer möchte, kann noch einen gehäkelten Aufhänger anbringen. Zu guter Letzt: ab in den Gebrauch – hier sind Eure Nadeln gut aufgehoben!

OLDSCHOOL-SOCKEN-STRICKEN

Stricken beruhigt und ist darüber hinaus auch noch nützlich. Die Hände haben was zu tun, der Geist kann schweifen oder sich kontemplativ versenken. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr Menschen ihre überschüssige Energie oder Langeweile in Sockenstricken investierten! Und die fertigen Teile werden gerne genommen – meine Erfahrung. Ich empfehle wunderbar vorgemusterte Socken-Wolle in gelegentlich abenteuerlichen Farbkombis, die einen beim Stricken überraschen. Die JoJo-Ferse ist – wenn erstmal begriffen – eine gute Wahl, um die Kurve am Fuß zu kriegen. Anleitungen in allen medialen Formen finden sich im Netz – oder klassische gedruckt im Wollgeschäft Eures Vertrauens.

Socken

Und dann wären da noch die PERLENSTAUCHER

Perlenstaucher sind Pulswärmer, die aus der Trachtenmode kommen. Das Prinzip ist einfach und doch raffiniert: sehr kleine Perlen werden – bei mehrfarbigen Mustern in genau festgelegter Reihenfolge – auf die dünne Wolle gefädelt und dann entsprechend abgestrickt. Für Anfänger sind einfarbige Muster zu empfehlen. Konsequentes Zählen und genaues Hinschauen bilden hier die Basis des Erfolgs… 

Die Ergebnisse sind sehr ansprechend, aber auch nützlich. Ich trage sie hier eigentlich immer in der kalten Zeit. Von den oben gezeigten Beispielen habe ich das erste und dritte Paar selbst gestrickt, das mittlere stammt aus Lettland, das untere bekam ich von meiner Freundin Ulla Herz geschenkt, die mir dieses komplexe Muster (zu Recht) nicht zugetraut hat. Danke nochmal, ein echter Freundschaftsbeweis!!!